Ist Sitzen das neue Rauchen? Was die Wissenschaft dazu sagt.

Arbeitsschutz | Digital | Betriebsmedizin | Arbeitsmedizin | Arbeitssicherheit | Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz | gesetzliche Pflicht

Der Satz „Sitzen ist das neue Rauchen“ begegnet uns seit Jahren in den Medien. Er soll wachrütteln und darauf aufmerksam machen, dass langes Sitzen gesundheitliche Folgen haben kann. Doch ist dieser Vergleich tatsächlich gerechtfertigt? Oder handelt es sich eher um einen eingängigen Slogan als um eine wissenschaftlich haltbare Aussage?

Aus arbeitsmedizinischer Sicht lautet die Antwort eindeutig: Nein – Sitzen ist nicht das neue Rauchen. Dennoch ist langes, ununterbrochenes Sitzen ein ernstzunehmender Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen. Entscheidend ist jedoch nicht das Sitzen selbst, sondern der Mangel an Bewegung.

In diesem Beitrag erfahren Sie, was die aktuelle Studienlage zeigt und welche Maßnahmen Beschäftigte und Arbeitgeber tatsächlich ergreifen sollten.

Was passiert beim langen Sitzen im Körper?

Unser Körper ist für regelmäßige Bewegung geschaffen. Während des Gehens und Stehens arbeiten zahlreiche Muskelgruppen permanent. Diese Muskelaktivität beeinflusst unter anderem

  • den Blutzuckerstoffwechsel,
  • den Fettstoffwechsel,
  • den venösen Rückstrom zum Herzen,
  • den Energieverbrauch sowie
  • die Stabilisierung der Wirbelsäule.

Beim stundenlangen Sitzen nimmt diese Muskelaktivität deutlich ab. Der Energieverbrauch sinkt, die Durchblutung verschlechtert sich und die Belastung einzelner Muskelgruppen steigt an.

Insbesondere die Rückenmuskulatur, die Halswirbelsäule sowie die Schulter-Nacken-Region werden dauerhaft beansprucht. Gleichzeitig reduziert sich die Aktivität der großen Beinmuskulatur, wodurch Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflusst werden können.

Welche gesundheitlichen Folgen sind wissenschaftlich belegt?

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche große Bevölkerungsstudien veröffentlicht. Sie zeigen übereinstimmend, dass lange tägliche Sitzzeiten mit einem erhöhten Risiko verbunden sind für

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • Typ-2-Diabetes,
  • Übergewicht,
  • Rückenschmerzen,
  • Nackenbeschwerden,
  • Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie
  • eine erhöhte Gesamtsterblichkeit.

Dabei gilt jedoch ein entscheidender Zusammenhang:

Das Risiko steigt insbesondere bei Menschen, die sich insgesamt wenig bewegen.

Eine große Metaanalyse im Fachjournal The Lancet konnte zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität einen erheblichen Teil der negativen Auswirkungen langen Sitzens wieder ausgleichen kann. Menschen, die täglich etwa 60–75 Minuten moderat körperlich aktiv sind, weisen trotz langer Sitzzeiten ein deutlich geringeres Gesundheitsrisiko auf als körperlich inaktive Personen.

Die zentrale Botschaft lautet deshalb: Nicht das Sitzen macht krank – sondern Bewegungsmangel.

Reicht ein höhenverstellbarer Schreibtisch aus?

Viele Unternehmen investieren inzwischen in höhenverstellbare Schreibtische. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen.

Allerdings zeigen aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen, dass Stehen allein keine Lösung darstellt.

Eine 2024 veröffentlichte Studie der University of Sydney mit über 83.000 Teilnehmern untersuchte erstmals objektiv gemessene Sitz- und Stehzeiten im Alltag.

Das Ergebnis überraschte viele:

  • Längeres Stehen senkte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht.
  • Gleichzeitig nahm mit zunehmender Stehzeit das Risiko für orthostatische Beschwerden wie Krampfadern oder venöse Erkrankungen zu.

Die Autoren kommen deshalb zu einem klaren Fazit: Stehen ersetzt Bewegung nicht.

Ein Stehschreibtisch ist sinnvoll – allerdings nur dann, wenn er tatsächlich für regelmäßige Positionswechsel genutzt wird.

Die beste Haltung ist immer die nächste

In der Ergonomie gibt es einen wichtigen Grundsatz: Die beste Sitzhaltung ist die nächste Sitzhaltung.

Es existiert keine perfekte Körperhaltung, die über viele Stunden gesund bleibt.

Viel wichtiger ist der regelmäßige Wechsel zwischen

  • Sitzen,
  • Stehen,
  • Gehen und
  • kleinen Bewegungseinheiten.

Bereits kurze Unterbrechungen langer Sitzphasen verbessern die Muskelaktivität, fördern die Durchblutung und entlasten die Wirbelsäule.

Aus arbeitsmedizinischer Sicht empfiehlt sich daher, möglichst alle 30 bis 60 Minuten die Körperhaltung zu verändern.

Praktische Empfehlungen für den Büroalltag

Die gute Nachricht lautet: Bereits kleine Veränderungen im Arbeitsalltag können einen großen Unterschied machen.

Telefonate im Stehen oder Gehen führen

Telefonieren eignet sich hervorragend, um Bewegung in den Arbeitsalltag zu integrieren. Nutzen Sie Headsets und gehen Sie während längerer Gespräche einige Schritte.

Regelmäßig kurze Bewegungspausen einlegen

Bereits zwei bis drei Minuten Bewegung pro Stunde können ausreichen, um lange Sitzphasen wirkungsvoll zu unterbrechen.

Wege bewusst nutzen

Drucken Sie Dokumente nicht direkt neben Ihrem Arbeitsplatz aus. Gehen Sie persönlich zu Kolleginnen und Kollegen, anstatt jede Frage per E-Mail zu beantworten.

Den Arbeitsplatz ergonomisch einrichten

Ein ergonomischer Arbeitsplatz reduziert Fehlbelastungen erheblich.

Dazu gehören insbesondere:

  • individuell eingestellter Bürostuhl,
  • Bildschirm auf Augenhöhe,
  • entspannte Schulterhaltung,
  • Unterarme waagerecht aufliegend,
  • ausreichend Beinfreiheit.

Ergonomie verbessert die Arbeitsbedingungen, ersetzt jedoch keine regelmäßige Bewegung.

Körperliche Aktivität außerhalb der Arbeitszeit

Wer täglich Sport treibt oder sich regelmäßig bewegt, reduziert viele der Risiken, die mit langen Sitzzeiten verbunden sind.

Dabei muss es nicht immer Leistungssport sein. Bereits zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen erfüllen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation.

Welche Rolle spielt der Arbeitgeber?

Arbeitgeber tragen eine wichtige Verantwortung für gesundes Arbeiten.

Dazu gehören unter anderem

  • ergonomisch gestaltete Bildschirmarbeitsplätze,
  • höhenverstellbare Arbeitsplätze, wo sinnvoll,
  • Bewegungsförderung im Arbeitsalltag,
  • ergonomische Unterweisungen,
  • arbeitsmedizinische Beratung,
  • Gefährdungsbeurteilungen nach dem Arbeitsschutzgesetz.

Entscheidend ist jedoch eine Unternehmenskultur, die Bewegung ausdrücklich unterstützt.

Fazit

Wer Beschäftigte motiviert, regelmäßig aufzustehen, kurze Wege zu gehen oder Besprechungen im Stehen oder Gehen durchzuführen, leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung.

Der Satz „Sitzen ist das neue Rauchen“ ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Er erzeugt Aufmerksamkeit, wird den tatsächlichen Zusammenhängen jedoch nicht gerecht.

Die moderne Arbeitsmedizin zeigt ein differenzierteres Bild:

  • Sitzen ist eine normale Körperhaltung.
  • Problematisch sind lange, ununterbrochene Sitzzeiten.
  • Stehen allein löst das Problem ebenfalls nicht.
  • Der entscheidende Gesundheitsfaktor ist regelmäßige Bewegung.

Literatur

  • Ahmadi MN et al. Device-measured standing and incident cardiovascular disease and orthostatic circulatory disease. International Journal of Epidemiology. 2024.
  • Ekelund U et al. Does physical activity attenuate, or even eliminate, the detrimental association of sitting time with mortality? The Lancet. 2016;388:1302–1310.
  • World Health Organization (WHO). WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Genf, 2020.
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Bildschirmarbeit und ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen.
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Information 215-410: Bildschirm- und Büroarbeitsplätze – Leitfaden für die Gestaltung.

Verfasst von Dr. med. univ. Anselm Pfeiffer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin